Zu Besuch bei einer Schule in Favoriten, die sich der Gewaltprävention verschrieben hat

Gewalt an Wiens Schulen. Der Boulevard berichtete im Wochentakt von Konflikten. Wiens Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) schnürte bereits 2023 ein Gewaltschutzpaket. Die Gewerkschaft forderte im Vorjahr Sicherheitspersonal für die Bildungseinrichtungen. ÖVP-Bildungsminister Martin Polaschek sprach von einem Problem. Die FPÖ von einem „dramatischen Anstieg“ bei Gewaltdelikten.

Gut, die Debatte wurde nicht immer ganz ehrlich geführt. So wurde die Zahl der angezeigten Straftaten an Wiens Schulen aus dem Jahr 2023 mit jenen aus dem Jahr 2021 verglichen. Die Delikte hatten sich verdoppelt. Kein Wunder, 2021 waren die Schulen wegen der Pandemie monatelang geschlossen. Vergleicht man indes die Zahlen von 2019 und 2023, lag der Anstieg nur mehr bei einem Prozent. Also nicht ganz so „dramatisch“.

Gewalt ist keine Lösung

Im Vorjahr wurden in Wien 750 Schüler suspendiert. Zu Besuch bei einer Schule in Favoriten, die sich der Gewaltprävention verschrieben hat:

Man könnte meinen, die Schülerinnen und Schüler in Wien schlagen sich tagtäglich die Köpfe ein. „Wilde Rauferei in Schule”, „Bub sticht Mitschüler Schere in den Kopf”, „Bub schlägt Lehrerin ins Gesicht”. Das waren nur einige der Schlagzeilen in den Boulevardmedien.

Ja, Gewalt an Schulen ist ein Problem. Die Zahl der Suspendierungen lag 2018/19 in Wien noch bei 303, im Jahr 2022/23 waren es mehr als doppelt so viele (814) – die Bildungsdirektion hat uns hier die Gründe erklärt. Im Vorjahr waren die Suspendierungen wieder leicht rückläufig, aber mit 756 immer noch auf einem hohen Niveau.

Was tun? Und wie groß ist das Gewaltproblem tatsächlich?

Die Sportmittelschule in der Wendstattgasse am Favoritener Laaerberg hat sich der Gewaltprävention verschrieben. Markus Ratz ist hier seit 14 Jahren Direktor. Von einer Zunahme der Gewalt will er nicht sprechen. „Die Jugendkriminalität geht seit Jahren linear zurück”, sagt er. So wurden in den 50er-Jahren noch über 3.000 Jugendliche wegen Verbrechen gegen Leib und Leben verurteilt, 2023 waren es knapp 400. Dass Suspendierungen zunehmen, liegt laut Ratz auch daran, dass es mit der Bildungsreform im Jahr 2017 einfacher wurde, Schüler vom Unterricht freizustellen. Die Direktoren können die Suspendierungen seither direkt an die Bildungsdirektion melden, vorher war eine Ebene dazwischen gelagert.

Aber dadurch alleine erklärt sich der Anstieg nicht. Die Konflikte an der Schule will Ratz auch gar nicht leugnen. Oft gehe es um Mobbing. Als der Falter.morgen die Schule im Oktober 2023 besuchte, wurden die Schüler einer 2a gefragt, ob sie schon einmal gehänselt wurden. Alle hoben die Hand.

„Manche Burschen mobben Kinder, die schwach sind”, sagt Schulsprecher Ali. Er selbst sei früher gehänselt worden, weil er nicht so gut in Sport war. „Ich habe dann mit den Mobbern gesprochen und sie haben sich beruhigt.” In vielen Fällen ist es mit einem Gespräch allerdings nicht getan.

In der Sportmittelschule lernen die Kinder deshalb schon früh, wie sie Konflikte ohne Gewalt lösen. Vor zwei Jahren war das Teil des Programms „Respekt: Gemeinsam stärker”, bei dem Jugendzentren und Vereine Workshops in den Klassen abhalten.

Seit über zehn Jahren kommt zudem ein Grätzelpolizist an die Schule, der Vorträge hält. Über Verkehrssicherheit, die Strafmündigkeit der Teenies. Aber auch nach dem Terroranschlag in Wien im Jahr 2020. „Am Tag danach war offiziell schulfrei. Dennoch sind einige Schüler in die Klasse gekommen”, sagt Direktor Ratz. Der Polizist und die Lehrer hätten mit den Schülern darüber gesprochen, was passiert ist. „Das hat den Schülern ihre Ängste genommen, weil sie viele Horrormeldungen in den sozialen Medien gelesen haben, die sich aber als falsch herausstellten.“

Und der Gaza-Konflikt?

Auch den spüren Ratz und die Lehrerkollegen in Favoriten. „Die Jugendlichen sehen antisemitische Propaganda in sozialen Medien und tragen sie in die Schule”, sagt Lorenzo Ramani, der in der Wendstattgasse unterrichtet. Antisemitische Äußerungen seien seit dem 7. Oktober häufiger gefallen. 75 Prozent der Schüler in der Wendstattgasse haben Migrationshintergrund. „Natürlich spielt der kulturelle und religiöse Hintergrund eine Rolle”, sagt Direktor Ratz. Die Aufgabe der Schule sei es, diese Themen anzusprechen. „Wir bringen den Schülern bei, dass wir in einem Rechtsstaat leben und wir uns an die Werte halten, die in der Verfassung geschrieben stehen.” Nicht in der Bibel oder im Koran. Anders gesagt: Die Schule gibt den Teenies eine Gegenerzählung zur Propaganda in den sozialen Medien.

(aus der Falter Morgenpost – Soraya Pechtl)

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